Interview mit Dr. Marie Woost
Dr. Marie Woost
Dr. Marie Woost ist in Frankreich Dijon geboren und in Savoie aufgewachsen. Sie lebt seit 2005 in Deutschland und hat in Paris Chemie studiert. Frau Dr. Woost hat in Hamburg am Institut für physikalische Chemie promoviert (Bereich Nanotechnologie).
Flora: Kaffee oder Tee?
Marie: Kaffee. Ich kann morgens definitiv nicht ohne.
Flora: Land oder Stadt?
Marie: Das ist jetzt aber sehr schwierig. Zum Wohnen in der Stadt, aber zum Ausgleich auf dem Land. Perfekt wäre eigentlich Hälfte-Hälfte.
Flora: Was kann Europa von China momentan lernen?
Marie: Das man sich nicht zu schade sein sollte, eigene Interessen zu verfolgen. China verfolgt seine Ziele sehr konsequent.
Flora: Du bist ganz viel gereist. Welches Land bzw. welche Kultur hat dich beruflich am meisten inspiriert?
Marie: Das ist eine sehr interessante Frage! Ich bin berufsbedingt hauptsächlich in Europa gewesen. Und die Kultur, die ich am meisten kenne, ist natürlich die deutsche Kultur. Ich finde die deutsche Kultur sehr schön, vor allem das soziale Miteinander innerhalb eines Unternehmens hat sehr flache Hierarchien. Man darf als Mitarbeiter seine Meinung gegenüber seinem Chef sagen, ohne dass es ein Drama ist. Ganz im Gegenteil – es ist sogar erwünscht, dass man eine andere Meinung hat! Ganz im Gegensatz zu Frankreich, hier ist alles sehr hierarchisch und der Chef sagt, wo es lang geht.
Flora: Wie steht Deutschland im Bereich der Naturkosmetik im internationalen Vergleich da?
Marie: Sehr gut! Deutschland ist definitiv ein Vorreiter in der Naturkosmetik. Hier ist der größte Markt im Bereich der Naturkosmetik. Auch alle Pioniere, wie z.B. Weleda kommen aus Deutschland. Viele deutsche Naturkosmetikmarken sind weltweit bekannt. Die deutsche Naturkosmetikqualität wird sehr hoch anerkannt und wird mit höchsten Qualitätsansprüchen sogar im asiatischen Markt akzeptiert.
Flora: Wie kam bei dir der Gedanke auf, dich selbstständig zu machen?
Marie: Der Gedanke kam schon, also ich die Birkenstock-Kosmetik, also die Marke Birkenstock in der Naturkosmetik, mit aufgebaut hatte. Ich war von Anfang an mit dabei und habe alle verschiedenen Puzzleteile, die notwendig sind um erfolgreich zu werden - von der Markenentwicklung bis zur Produkteinführung - miterlebt. Das war eine sehr wertvolle Erfahrung. Ich habe nicht nur einen kleinen Teil bei Birkenstock, sondern wirklich den gesamten Markteintritt übernommen. Da wusste ich: Das möchte ich eines Tages auch für meine eigene Marke machen.
Flora: Was war dabei für dich am faszinierendsten?
Marie: Die Vielfältigkeit. Dass man erst anfängt mit einer Idee. Es beginnt mit einer schönen Geschichte und guten Roh- und Wirkstoffen. Und dann entsteht aus einer Idee am Ende ein wahnsinnig schönes Produkt und die Kunden sind begeistert.
Flora: Kommen wir zum Thema Digitalisierung. Kann man auch bestehende, alte Maschinen digitalisieren?
Marie: Ja, wir sind retrofit-fähig. Bis 8–10 Jahre alte Maschinen können wir noch online nehmen. Insgesamt ist das softwareabhängig. Es macht wenig Sinn, 30 Jahre alte Maschinen online zu nehmen, da sie bspw. andere Sensoren verbaut haben.
Flora: Was waren deine größten Ängste und Sorgen bei der Gründung?
Marie: *lacht* Ich habe probiert meine Ängste und Sorgen beiseite zu legen, sonst hätte ich das nicht gemacht. Der erste Punkt ist die finanzielle Sicherheit, die man natürlich erstmal nicht mehr hat. Und natürlich gibt es als Unternehmer immer ein gewisses Risiko, dass deine Idee nicht funktioniert. Das kann immer passieren. Der Markt in der Kosmetikbranche ist nicht einfach, er ist sehr groß. Es gibt extrem viel Wettbewerb. Gesehen zu werden, ist dort nicht leicht. Man muss eine sehr gute Marketingstrategie haben und die Finanzierung dafür.
Flora: Das hört sich nach sehr viel Arbeit an und du hast 2 Kinder. Wie schaffst du es alles unter einen Hut zu bekommen?
Marie: Ja. Also erstmal sollte man versuchen alles gelassen zu sehen. Und probieren alles nacheinander zu planen. Für mich ist das Schlimmste, 5 Dinge auf einmal machen zu wollen. Wenn die Kinder nach Hause kommen, sollte man sich einfach ein bisschen Zeit nehmen und auch mal andere Sachen dafür verschieben. Und man sollte auch kein schlechtes Gewissen gegenüber seinen Kindern haben. Qualität-Zeit ist wichtiger als Quantität-Zeit.
Flora: Gab es auf dem Weg deiner Selbstständigkeit auch Personen, die dir davon abgeraten haben?
Marie: Ja na klar. Leider vor allem andere Mütter. Unterschwellig wurde mir sogar ein schlechtes Gewissen gemacht nach dem Motto – „Wirklich? – Natürlich kannst du machen was du willst, aber ich könnte das nicht mit meinem Gewissen vereinbaren!“. Aber das fing eigentlich schon an, als ich angefangen habe in Vollzeit zu arbeiten. Jetzt bin ich die Oberverrückte.
Flora: Was sind deine Aufgaben bei TOZAIME momentan?
Marie: Gerade im Moment sind es einmalige Sachen. Wie z.B. die Satzung für die GmbH schreiben, oder Verhandlungen führen. Markenvisualisierung, Angebote einholen, Lieferzeiten checken und vieles mehr. Alles wird neu gemacht.
Flora: TOZAIME als Marke gibt es ja schon und ihr übernehmt diese. Wie kamst du dazu, ein bestehendes Produkt zu übernehmen anstatt einfach ein ganz neues zu entwickeln?
Marie: Es war ein bisschen zufällig. Ich hatte bereits Kontakt zu TOZAIME. Das Produkt war sehr nah an dem, was ich sowieso selbst gemacht hätte. Ich stehe 100% zu TOZAIME und hätte es nicht besser gemacht. Auch die Positionierung als Naturkosmetik im Luxussegment hat mir besonders gut gefallen. Dort steckt viel Potential.
Flora: Wie bist du denn mit den ehemaligen Gründern von TOZAIME in Kontakt gekommen?
Marie: Die Gründer hatten die Übernahme auf einem Start-Up Portal ausgeschrieben. Das war auch eher zufällig und kam daher, dass mein Lebenspartner sehr stark in der Start-Up Szene unterwegs ist und genau deshalb hatte ich auf dem Portal gesucht.
Flora: Welche 3 Tipps hast du zum Thema Naturkosmetik, worauf sollte man achten?
Marie: 1) Dass man ein zertifiziertes Label hat. Dann kann man darauf vertrauen, dass es wirklich Naturkosmetik ist und nicht nur ein naturnahes Produkt.
2) Wenn man neu auf ein naturkosmetisches Produkt umsattelt, braucht man Durchhaltevermögen. Die Haut ist ggf. noch an Silikone und andere künstliche Stoffe gewöhnt und benötigt eine Übergangszeit, in der es ihr durch die Umgewöhnung auch mal nicht so gut geht. Es ist natürlich individuell, aber es kann 2-3 Wochen dauern.
3) Ausprobieren! Man muss einfach ausprobieren was man mag und was man nicht mag.
Flora: Nachhaltigkeit – was bedeutet für dich Nachhaltigkeit?
Marie: Nicht nur der CO2-Abdruck zählt, sondern Nachhaltigkeit ist sehr viel größer als das. Man sollte die gesamte Lieferkette berücksichtigen und bereits bei der Rohstoffversorgung auf die richtige Auswahl achten. Z.B. unter welchen Bedingungen gearbeitet wird und welche weiteren sozialen Aspekte berücksichtigt werden. Naturkosmetik ist an sich schon auf einem sehr guten Weg, nachhaltig zu sein. Es gibt keine Tierversuche, die Rohstoffe sind rein pflanzlich und es wird so wenig Chemie wie nötig eingesetzt.
Flora: Wo steht Tozaime in 5 Jahren?
Marie: In 5 Jahren haben wir mehrere Linien und sind weltweit für exzellente Naturkosmetik bekannt. Wir haben unter anderem eine Männerlinie und eine Linie für sehr sensible Haut.
Flora: Welches Motto hast du?
Marie: Jeden Moment genießen!
Flora: Herzlichen Dank für das Interview.
Das Interview führte Flora Fliegner, Geschäftsführerin der pack3 GmbH